Wie ich der weltbeste Werbetexter von ganz Durlach-Aue wurde.
1985 kostete eine kaufmännische Ausbildung genau den Preis eines drei Jahre alten Ford Sierra 1.6 L. Dieses Auto – das ich später noch zu Schrott fahren sollte – hatten meine Eltern als Gegenleistung dafür zu kaufen, dass mich das Ford-Autohaus unserer Kleinstadt als Lehrling einstellte. Zuvor hatte ich 38 Absagen auf 37 Bewerbungen erhalten. Die „Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaft für Kuhstallbedarf“ hatte mir zweimal abgesagt. Versehentlich. Oder sicherheitshalber. Aber am Ende hatte ich dank des Deals meiner Eltern und des Ford-Sierra-Verkäufers doch noch eine Lehrstelle.

Es war schlimm.

Schlimm für meinen Vater, der sein Leben lang Mercedes gefahren war und sich wegen seines automobilen Abstiegs heimlich schämte. Schlimm auch für mich, der für eine dreijährige Leidenszeit in ein Ersatzteillager gesteckt wurde, angebellt von übellaunigen Mechanikern, herumkommandiert von einem cholerischen Chef, der mir nichts beibrachte außer seiner Meinung, dass ich im Autohaus ganz und gar fehl am Platze sei.

Die Wochenenden verbrachte ich mit Schlafen, Ingeborg-Bachmann-lesen, Biertrinken und wieder Schlafen – eben mit allem, was im Lager verboten war. Dort las man höchstens die Bildzeitung, und den Bierautomaten durfte nur der Werkstattmeister leeren.

Ich hing in einem viel zu großen blauen Lageristenmantel an der abgewetzten Holztheke des Ersatzteillagers und starrte in die Werkstatt hinaus. Irgendwo ganz weit dahinter mussten Menschen existieren. Menschen mit Witz und Charme, die sich über Themen austauschten, die origineller waren als Ventildeckeldichtungen.

Was ich in der Berufsschule besser konnte als andere, war Aufsätzeschreiben. Und der einzige Stoff, der mich in dieser tristen Institution aufheiterte, war das Thema Marketing. Ich begann eins und eins zusammenzuzählen (viel besser war ich im Rechnen nicht) und las das Ergebnis: „Werbetexter“ vor meinem inneren Auge. Hey, klar! Die Rückseiten der Fernsehzeitschriften hatten doch immer diese Anzeigen für Fernlehrgänge, „wir suchen Menschen, die gerne schreiben“. Mein bester Freund meinte zwar dazu, das sei nur was für frustrierte alte Hausfrauen. Andererseits: Ich hätte auch einen Fernlehrgang „Stricken“ oder „Hausmannsküche“ belegt.

Das Fernstudium wurde meine Freizeitbeschäftigung, eine Art Hobby, das mich vom Ersatzteilstraflagerleben ablenkte und mir wenigstens den Funken Hoffnung auf ein Leben schenkte, das vielleicht auch zwischen den Wochenenden fröhlich sein konnte.

Nach der Lehre und dem Fernkurs zog ich in eine Großstadt, meldete mich arbeitslos und bewarb mich proaktiv in etwa 37 Werbeagenturen, indem ich individuelle, auf die Agenturen abgestimmte Schreiben verfasste. Zugleich umkurvte ich alle vom Arbeitsamt vorgeschlagenen Autohaus-Lager-Stellen. Lieber riskierte ich, die Stütze gestrichen zu bekommen als die Chance auf eine Werbetexterstelle verstreichen zu lassen. Das Amt stufte mich dann auch wirklich auf Sozialhilfeniveau runter, und so zog ich als Haustürvertreter für Wasserfilter durch die Vororte, um etwas zu verdienen. Meine Provisionen reichten gerade für das Mittagessen, obwohl ich niemals mehr als vier Bier bestellte. Das Bier war notwendig als Mutmacher für die Nachmittagsschicht an den Haustüren.

Eines Freitags, ich hatte kaum noch Geld fürs Mittagessen, setzte ich mich mit einer Leberkässemmel und zwei Büchsen Bier in die Bibliothek, wo das Zeitunglesen immerhin umsonst war. Ich ergatterte aber nur noch die Ausgabe des vorvergangenen Samstags. Immerhin fand ich dort eine Stellenanzeige einer Werbeagentur, die mit „Text-Youngster“ überschrieben war. Ich bewarb mich dort mit zwei Wochen Verspätung, bekam aber die Stelle trotzdem, wahrscheinlich, weil sich sonst niemand darauf beworben hatte.

Ich zog in die Nähe dieser Agentur, nach Durlach-Aue, und rackerte mich fortan an Heizkesselwerbung für Monteure ab. Immer wieder schüttelte jemand den Kopf. Entweder der Agenturchef oder der Kunde oder ich über mich selbst. Den Ingeborg-Bachmann-Preis zu gewinnen schien mir einfacher als Sanitärinstallateurzulieferer von den Vorteilen eines dämlichen Blaubrenners zu überzeugen. Doch als ich nach dutzenden Versuchen und unfassbar viel Geduld der Agentur eines Tages meine erste Anzeige für Öl-Gussheizkessel im aktuellen „Bad&Klo“-Magazin las, fühlte ich mich unbeschreiblich erhaben. Dort, genau zwischen den Waschbeckenarmaturen und Siphons, dieser Text war von mir! Und irgendjemand musste das richtig, richtig gut gefunden haben, sonst stünde mein Text ja nicht in der Zeitung. Von nun an flutschte es, später durfte ich in anderen Agenturen sogar die Vorteile von Damenbinden und Klopapier beschreiben, und immer dachte ich dabei an Ingeborg Bachmann, immer fühlte ich mich als Sieger meines imaginären Literaturwettbewerbs.

Ich glaubte mich auf dem Weg, Deutschlands bester Werbetexter zu werden. Okay, ich bin immer noch unterwegs, und ankommen werde ich wohl nie; aber es ist immerhin einer der spannendsten Wege, den ich mir vorstellen kann.

Teilen

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.